Donnerstag 30. März 2017

6. April 2013

Einsätze

Der Stammkunde

Am Sonntag, 28. Juli 2002 wurde die Löschbereitschaft Zentrale um 08:26 Uhr zu einer „Irrsinnigen Person“ (so der feuerwehrinterne Ausdruck für eine eigengefährdete Person) in der Justizanstalt Josefstadt alarmiert. Ein ca. 40jähriger U-Häftling benutzte seinen Hofausgang um an der Fassade über die vergitterten Fenster in den dritten Stock zu klettern. Es handelte sich dabei um einen ausländischen Staatsbürger, der bereits mehrmals (auch in anderen Justizanstalten und selbst mit Handschellen) sein kletterisches Geschick in der Haftanstalt unter Beweis stellte. Weiters war er mit zwei Rasierklingen bewaffnet (eine meist im Mund, die andere in einer Hosentasche), die er immer zur Abschreckung der Einsatzkräfte herzeigte. Als Erstmaßnahme wurden von der Feuerwehr zur Sicherung im Falle eines Absturzes zwei Sprungkissen in Stellung gebracht. Für den Fall, dass er es sich anders überlegt und wieder hinunter kommen wolle, wurde im Hof eine Schiebleiter und am Dach zwei Rettungsleinen mit Rettungsgeschirr bereitgehalten. Von da an begann ein siebenstündiger Verhandlungs- und Wartemarathon (für den Häftling neuer Rekord, da er bei seinem letzten Versuch in derselben Anstalt „nur“ sechs Stunden durchhielt). Die ersten Verhandlungen mit den Vertretern der herbeigerufenen Botschaft und einer Journalrichterin wurden nach ca. drei Stunden ergebnislos abgebrochen, woraufhin sich alle Beteiligten aus dem Sichtbereich des Häftlings begaben und durch den Chefinspektor der Justizanstalt die WEGA und das Sicherheitsbüro angefordert wurde. In der allgemeinen Nachdenkpause und Vorbereitungen für weitere Verhandlungen kletterte der Gefangene in den vierten Stock. Dabei kam er mit der inzwischen für unsere Erstkräfte eingetroffenen Ablöse (RLF Hernals), allen voran BM Ledl Kurt, ins Gespräch, welcher sich als berufener Feuerwehrpsychologe herausstellte, da der Häftling phasenweise nur mit ihm sprechen wollte (sehr zum Missfallen seiner Mannschaft, da diese aus einsatztaktischen Gründen und auch auf Wunsch des Verhandlungsleiters des Sicherheitsbüros niemals abgelöst werden konnte und so zum Verbleib bis zum bitteren Ende verdammt war). Der Einsatz an diesem heißen Tag entwickelte sich für BM Ledl schon bald zur Selbstaufopferung für den Gefangenen, denn aus psychologischen Gründen trank er für ihn gut sichtbar literweise Mineralwasser und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Nach weiteren mühevollen Verhandlungen mit dem Sicherheitsbüro und der Anstaltsleitung konnte der Gefangene schließlich zur Aufgabe bewegt werden, wobei er das von der Sicherheitswache gereichte Seil annahm und auf das Dach aufstieg. Nicht unerwähnt bleiben sollte die Professionalität aller am Einsatz Beteiligten, was sich in der guten Zusammenarbeit wiederspiegelte und für den guten Ausgang des Einsatzes sorgte. BOK Dipl. Ing. Peter Schredl Anm. d. Red.: Bei dem im Bericht erwähnten Häftling handelt es sich um einen ausländischen Artisten. Bereits vor ca. 13 Jahren wurde er von der Feuerwehr vom Dach in einem Innenhof einer Justizanstalt "gerettet". Seit damals ist offensichtlich ein ewiger Kreislauf in Gang geraten: Eigentumsdelikte, U-Haft, wo raufklettern und retten lassen, Abschiebung, illegale Rückkehr, Eigentumsdelikte usw. ... Mindestens acht Feuerwehrinterventionen wurden durch diesen Mann in den letzten 13 Jahren verursacht. Die Meinungen der Kollegen zu diesem Thema sind sehr unterschiedlich. Ich persönlich finde, dass sich der Ausländer einen Orden verdient hat, weil er buchstäblich seine ganze Energie dazu einsetzt um unsere Arbeitsplätze zu sichern! Außerdem bleiben wir im Training. Es sind aber nicht alle meiner Meinung. -A. M.-
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