Montag 18. Dezember 2017

6. April 2013

Einsätze

Person verschüttet!

Bericht des Einsatzleiters BK Werner Turetschek Am Samstag den 07. September 2002 wurde die MA 68 um 10:11 Uhr zu einer verschütteten Person nach Wien 21., Thayagasse 1 B alarmiert. Der nachfolgende Bericht beschreibt den Einsatzablauf und die Erkenntnisse die aus diesem Einsatz gewonnen werden konnten. Einsatzobjekt Die Parzelle auf dem der Unfall geschah, liegt 200 Meter von der Thayagasse entfernt inmitten der dortigen Kleingartenanlage und ist nur zu Fuß über einen 1,5 m breiten Weg erreichbar. Das Grundstück grenzt auf einer Seite an den Zugangsweg zur Kleingartenanlage und ist auf den anderen Seiten von drei Kleingartenparzellen umgeben. Der Eigentümer der Parzelle errichtete zum Unfallzeitpunkt ein Kleingartenhaus. Zu diesem Zweck wurde das Grundstück zu ca. ¾ der Fläche 2 m tief ausgehoben um anschließend den Keller des Gebäudes zu errichten. Am Unfalltag standen bereits die Umfassungswände des Kellergeschosses und die Betonierung der Decke wurde vorbereitet. Allseitig war zwischen dem Grubenrand und den Kellerwänden ein Abstand von ca. 1,5 m vorhanden. Auf der rückwärtigen Seite der Parzelle verlief parallel mit der errichteten Kellerwand die Hauptwasserleitung zur Kleingartenanlage sowie der Kanal. Beiden Leitungen lagen noch frei zwischen Kellerwand und Grubenrand. Unfallhergang und Alarmierung Am Vormittag des 07. Septembers wollten der Eigentümer, sein 15 jähriger Sohn und ein Bekannter der Familie mit den Bauarbeiten fortfahren. Dabei stellten sie fest, dass die Wasserleitung in der Baugrube bedrohlich durchhängte und somit zu brechen drohte. Beim anschließenden Versuch die Leitung zu unterstützen, kam es zum befürchteten Bruch der Kunststoffleitung. Das austretende Wasser füllte innerhalb weniger Minuten die Baugrube bis zu einer Höhe von ca. 0,8 m. Der Eigentümer konnte allerdings relativ rasch die Hauptabsperreinrichtung zur Kleingartenanlage schließen. In der Folge wollte der Sohn des Eigentümers die Leitung reparieren und stieg deshalb in die Baugrube. Stehend mit dem Rücken zur Kellerwand versuchte er sein Vorhaben umzusetzen. Er musste dabei sogar mit seinen Füssen unterhalb des Kanalrohres einfädeln, um überhaupt stehen zu können. Während dieser Tätigkeiten rutschte bedingt durch das aufgeweichte Erdreich plötzlich der Grubenrand auf einer Länge von 4 m ab und verschüttete den Burschen bis zum Brustbereich. Zusätzlich war direkt vor dem Jungen ein Wurzelstock eines gefällten Baumes im Erdreich, welcher im Bauch- und Hüftbereich die Einklemmungen erschwerte. Der befreundete Bekannte der Familie war zum Zeitpunkt des Hangrutsches ebenfalls in der Baugrube, konnte allerdings von den Bewohner der angrenzenden Kleingärten aus seiner Zwangslage befreit werden. Gemeinsam versuchte man noch den Burschen auszugraben, was jedoch aufgrund der starken Verschüttungen und des immer schlechter werdenden Vitalzustandes rasch aufgegeben werden musste. Der Vater des Jungen verständigte daraufhin über Handy die Feuerwehr. Von der Nachrichtenzentrale wurde gemäß der Ausrückordnung von der nächstgelegenen Hauptfeuerwache „Floridsdorf“ eine Löschbereitschaft sowie die Wechselaufbauten Schwerwerkzeug und Pölzholz zur Einsatzstelle alarmiert. Einsatzverlauf Nach einer ersten Erkundung durch den Einsatzleiter steht folgende Lage fest: Der Bursche ist bis zum Oberkörper verschüttet, aus dem Erdhaufen ragen nur die beiden offensichtlich mehrmals gebrochenen Arme. Der Wurzelstock drückt zumindest augenscheinlich erkennbar auf den Brustbereich des Burschen. Er ist bedingt ansprechbar und wird durch seinen direkt neben ihm kniende Vater durch laufendes Ansprechen daran gehindert, in eine Bewusstlosigkeit zu fallen. Der Grubenrand ist direkt an der Grenze zum Nachbargrundstück abgerissen, scheint jedoch durch den lehmhaltigen Erdboden stabil zu sein. Auf dem Nachbargrundstück befinden sich zahlreiche Schaulustige. Als Erstmaßnahme wird der Baugrubenbereich sowie das Grundstück von allen Personen geräumt und zwei Feuerwehrmänner mittels Sicherheitsgeschirr und Rettungsleine zur genaueren Erkundung zum Verschütteten geschickt. Parallel dazu wird der Grubenrand (zumindest provisorisch) mit Schnellschalungstafeln und Pölzrohren gegen ein weiteres Abrutschen gesichert. Da der Rettungsdienst noch nicht an der Einsatzstelle ist, erfolgt die Erste Hilfe Leistung durch die beiden Feuerwehrbeamten. Aufgrund des sichtbar schlechten Vitalzustandes des Burschen wird über die Nachrichtenzentrale zusätzlich der Rettungshubschrauber angefordert. Nach Eintreffen des Rettungsdienstes wird der Verschüttete von zwei Notärzten erstversorgt und soweit stabilisiert, dass nach Absprache mit dem Feuerwehreinsatzleiter mit den Rettungsarbeiten begonnen werden kann. Zuerst wird mit Pionierspaten bzw. zeitweise auch mit bloßen Händen Erdreich um den Verschütteten weggeschaufelt. Parallel dazu wird versucht, den Wurzelstock mit einer Bandschlinge unter Verwendung eines Greifzuges vom Verletzten wegzuziehen, was aber mangels von Verankerungsmöglichkeiten des Greifzuges als auch des Wurzelstockes misslingt. Daher wird ein hydraulischer Rettungsspreizer zwischen Kellerwand und dem Wurzelstock eingebracht und mit diesem ein Freiraum von ca. 10 cm geschaffen. Anschließend wird der Bereich um den Wurzelstock händisch soweit freigeschaufelt, dass dieser mit einer Rundschlinge vollständig umfangen werden kann. Zeitgleich wird am Nachbargrundstück eine Freilandverankerung gesetzt und der Wurzelstock mit einem 3 Tonnen Greifzug des WSW um ca. 0,8 m vom Verschütteten weggezogen. Der schwerverletzte Bursche wird danach wieder mit teils bloßen Händen bis zu den Füssen freigeschaufelt. Dabei wird auch das Kanalrohr sichtbar, unter dem der Bursche steht und zusätzlich eingeklemmt wird. Mit einer Säbelsäge wird daraufhin versucht, das Kunststoffrohr wegzuschneiden. Durch die starken Verspannungen im Rohr, welche durch den Erdrutsch entstanden waren, beginnt der Druck auf die Beine des Burschen immer größer zu werden. Daher wird dieser Versuch sofort abgebrochen und das Rohr mit einem zweiten hydraulischen Rettungsspreizer von den Füssen des Verletzten weggedrückt. Die Beine können anschließend vollständig freigelegt werden. Dem Schwerverletzten wird in der Folge eine Schaufeltrage von oben zwischen Kellerwand und Körper eingeschoben und der Körper mittels zweier Feuerwehrgurten auf der Trage fixiert. Danach kann der Bursche im stabilisiertem Zustand aus der Grube gehoben und vom Notarzt übernommen werden. Noch vorort wird der Junge intubiert und in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt. Anschließend wird er mit dem Rettungshubschrauber „Christophorus 9“ in das SMZ-Ost geflogen. Die Rettungsarbeiten dauerten insgesamt 1,5 Stunden. Über die gesamte Zeit des Einsatzes stand ein Notarzt und ein Sanitäter in der Baugrube und betreuten (auch psychisch) den Verletzten. Die Einsatzstelle wird nach Beendigung der Reinigungs- und Aufrüstarbeiten an die Sicherheitswache und das Arbeitsinspektorat übergeben. Erkenntnisse · Durch die örtlichen Gegebenheiten und insbesonders durch den langen Anmarschweg war es notwendig sämtliche Geräte und Materialien zu Fuß zur Einsatzstelle zu befördern. Dieser Transport bedeutete natürlich einen besonders großen Personal- und Kraftaufwand. Letztlich waren 2 Löschgruppen nur mit dem Transport von Geräten zur Einsatzstelle beschäftigt. Auf diesen Umstand muss schon in der Anfangsphase eines derartigen Ereignisses Rücksicht genommen und entsprechend rasch Löschgruppen nachalarmiert werden. · Der Kraftaufwand für die eingesetzten Gruppen ist bei Bauunfällen enorm. Kurze Ablösen sind hier erforderlich, um permanent und rasch die Rettungsarbeiten durchzuführen. Auch hier ist auf entsprechend zeitgerechte Nachalarmierungen bedacht zu nehmen. · Die Zusammenarbeit mit den anderen Hilfsorganisationen funktionierte einwandfrei. Besonders wichtig ist die dauernde Absprache aller Maßnahmen mit dem Notarzt. · Sicherungsarbeiten konnten nur bedingt durchgeführt werden, da bei vollständigem Abpölzen der Grubenwand kein Platz mehr für die eigentlichen Rettungsarbeiten vorhanden gewesen wäre. · Wiedermal hat sich die Notwenigkeit einer gewissen Grundflexibilität beim Feuerwehreinsatz gezeigt. Keines der verwendeten Geräte konnte auf herkömmliche Art und Weise eingesetzt werden. · Die mentale Einstellung aller zum notwendigen Zeitaufwand für die Rettungsarbeiten zeigte sich als besondere Belastung. Jeder arbeitete aus ganzer Kraft und mit 100 % Leistung und die Befreiung des Burschen ging einfach nicht schneller. · Die zu Beginn der Rettungsarbeiten für die Einsatzkräfte psychisch eher belastende Anwesenheit der Eltern des Burschen zeigte sich für die Beruhigung und die mentalen Unterstützung des Unfallopfers im Laufe des Einsatzes als sehr günstig. Eingesetzte Fahrzeuge: 1 Kommandofahrzeug 1 Notarzteinsatzfahrzeug 2 Bergelöschfahrzeuge 1 Rettungswagen 1 Rüstlöschfahrzeug 1 Rettungshubschrauber 1 Universallöschfahrzeug 1 Drehleiter 1 Wechselaufbau Schwerwerkzeug 4 Streifenwagen der Polizei 1 Wechselaufbau Pölzholz Die Anstrengungen aller haben sich gelohnt, der Bursche war bereits am nächsten Tag außer Lebensgefahr!
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