Dienstag 21. November 2017

6. April 2013

Historisches

Das Pferd im Dienste der Wiener Berufsfeuerwehr

Schon sehr früh in der mehr als 300 jährigen Geschichte der Wiener Berufsfeuerwehr spielte das Pferd als Hilfsmittel eine große Rolle. Nachdem die Wagen mit Wasser als Löschmittel samt dazugehörigen Geräten immer schwerer geworden waren, musste das Pferd als „Helfer“ herangezogen werden. Der große Brand der kaiserlichen Burg im Jahre 1668 in Wien und die Brände während der Belagerung Wiens durch die Türken 1683 führten im Jahre 1688 zur Herausgabe einer neuen Feuerordnung. In dieser, der „Leopoldinischen Feuerordnung“, waren schon in den Bestimmungen für die Löschanstalten drei Paar Pferde zur Bespannung der Wagen, Kutscher und die drei dazu gehörigen Stallbuben vorgesehen. In den nächsten sechs Jahrzehnten veränderte sich diesbezüglich nicht sehr viel. Es konnte auch nie von einer ständigen Bereitschaft gesprochen werden, da die Wagen während des Tages zu allgemeinen Arbeiten eingeteilt wurden. Sie hatten den ganzen Tag Wasser, Bauholz, Kalk und Sand zu führen. Im Winter musste auch das Rathaus versorgt werden. Man kann sich also lebhaft vorstellen welche Schwierigkeiten im Falle eines Brandes auftraten. Die müden Tiere konnte man erst umständlich zusammen holen und zwar - „ durch abschickende Botten erst die 3 Paar Unter Cammerers Pferdt in das Amt, allwo die Wasser Wagen stehen, gebracht werden“. Am 12. Januar 1742 wandte sich der Unterkämmerer Joseph Kürchberger an den Stadtrat ,da das zur Verfügung stehende Gewölbe zur Unterbringung der Wagen geräumt werden musste .Daraus ergab sich, dass nur mehr die fünf Feuerwagen des Unterkammeramtes zur Verfügung standen .Die anderen mussten bei Kälte an einen möglichst gedeckten Ort gebracht werden.

Der Kämmerer brachte kurz darauf den Vorschlag ein, tagsüber sollen drei Paar Pferde, nachts neun Paar Pferde zum Wasserführen „würcklich in Bereitschaft“ stehen und stets zur Hand sein. Wie schnell der Transport mit den Pferden des Unterkammeramtes geschah, zeigt das Beispiel eines Brandes am Schottengrund nächst Spittelberg. Die Pferde des Stadtsäuberers Nadlinger kamen erst nach einer Dreiviertelstunde an, die bereitgestellten Pferde waren in 15 Minuten am Brandort. Der Vorschlag scheint angenommen worden zu sein da keine weiteren Beschwerden von Seiten des Kämmerers auftraten. Auch in der von Kaiserin Maria Theresia am 2. Mai 1759 erlassenen Feuerordnung scheinen unter Punkt 50, Feuerpferde in ständiger Bereitschaft auf. Im Zuge der stetigen Entwicklung der Stadt Wien in baulicher Hinsicht und unter dem Eindruck der großen Brände in den Revolutionsjahren 1848 und 1849 erschienen die Löschvorkehrungen der Regierung nicht mehr befriedigend. Die Organisation der Feuerwehr wurde als fehlerhaft betrachtet. Eine Reorganisation zwischen 1853 und 1855 brachte zwar eine Vermehrung des Löschpersonals auf 58 Mann, darüber hinaus wurde aber nichts Wesentliches verändert. Erst unter dem Stadtbaudirektor Cajetan Schiefer verwirklichte man im Jahre 1862 große Reformpläne. Es erfolgte die Errichtung von acht „Feuerwehrfilialen“ in den Vorstadtbezirken II bis X. Der Oberingenieur des Bauamtes Hieronimus Arnberger zählt 1867 außer Löschrequisiten auch 124 Pferde sowie 48 Kutscher zum Inventar der Löschanstalten.

Im Jahre 1878 unter dem Kommandanten Ing. Albert Schuler beläuft sich die Anzahl der Pferde auf 59 Paare. Davon sind 30 Paare in Bereitschaft und 29 Paare in Reserve gehalten. In der Nacht galt für alle Pferde eine Bereitschaft. Um eine rasche Ausfahrt zu ermöglichen, hingen die „Fallgeschirre“ über den Pferden und konnten mittels Seilzug gelöst werden. 1884 wird Ing. Franz Zier zum ersten selbständigen Kommandanten der neuen Feuerwehr ernannt.. Der Stand der Lösch- und Rettungsgeräte wird wieder erhöht. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Pferde von einer privaten Gesellschaft der Feuerwehr zur Verfügung gestellt. Ab dem Jahre 1885 bekommt die Wiener Berufsfeuerwehr erstmals eigene Pferde zur Bespannung der Wagen. Gleichzeitig erfolgt die Anstellung eines Tierarztes als Stallmeister und die Aufnahme von weiteren Kutschern. Im Jahre 1895 stehen 104 Pferde im Dienst. Es handelt sich meistens um solche des ungarischen Schlages mit kräftigem Körperbau und einer durchschnittlichen Höhe von 170 cm. Bei Fahrten zum Aktionsort (wie es lange noch heißen sollte) erreichte man eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km.

Das Jahr 1898 brachte für die Mannschaft und Pferde in der Feuerwehr-Zentrale in Wien 1., Am Hof eine wesentliche Erleichterung des Dienstbetriebes. Die elektrische Beleuchtung wurde installiert womit die Gefahr eines Brandes im Stallbereich reduziert wurde. Die monatlichen Ausrückungen mit Pferdebespannung im Jahr 1900 schwankten zwischen 442 und 762 und ergaben eine Jahresgesamtsumme von 6799 verwendeten Pferden. Genau zur Jahrhundertwende hatte die Wiener Berufsfeuerwehr 13 Feuerwachen mit 120 Pferden. Die Zentrale hatte 32 und St. Marx als „ Schlusslicht“ nur 2 Pferde zur Verfügung. Das durchschnittliche Dienstalter der Pferde betrug 4 Jahre und 6 Monate. Danach fanden sie Verwendung bei der Stadtreinigung oder beim Sanitätsdienst.

Erstickungswehr

Der Stalldienst der Kutscher wurde genau geregelt. In den Dienstvorschriften war die richtige Behandlung der Pferde innerhalb der Wache und während der Ausrückung bis ins Detail beschrieben. Wie z.B. bei scharfer Fahrt an den Aktionsort sind die Pferde bei Ankunft auszuschirren, mit dem Streifholz vom Schweiß zu befreien, mit Decke zu versehen und herumzuführen. oder dass die Hufe des Pferdes vor dem Beschlagen bei spröden Hufen über Nacht in feuchten Kuhmist einzuschlagen sind. Gesamt gesehen kann man sagen, dass die Kutscher mit der Betreuung der Pferde im Verlauf des Dienstbetriebes sehr beschäftigt waren. Dabei beschränkte sich ihre Tätigkeit nicht nur auf Ausrückungen, sondern auch auf die Pflege der Tiere in Hinsicht auf Tränken, Hufpflege, Striegeln (Abreiben mittels Stroh). Täglich mussten die Tiere nach der Frühreinigung dem Wachevorsteher vorgeführt werden. Da sich der Pferdebestand ja fast täglich ändern konnte, durch Ablöse, Krankheit u.s.w. befand sich bei jedem Pferd eine Tafel auf der das Alter, der Name, das Dienstalter und der Tag der Indienststellung desselben eingetragen werden musste .Es mutet heute seltsam an wenn in der Stallordnung zu lesen ist : „Es ist den Kutschern verboten ,im Stall ihre Notdurft zu verrichten“. Verständlicher ist schon das Verbot des Rauchens und Lärmens oder die Verwendung von Gift für die Vertreibung von Ratten, Mäusen oder Insekten. Im Jahre 1901 hatte die Berufsfeuerwehr Wien einen Mannschaftstand von 428 Mann. Im Kommandobefehl vom 26. November ist zu lesen, dass unter anderem Heizer, Kutscher und Feuerwehrmänner jeden fünften bzw sechsten Tag dienstfrei haben. Nach 10 Dienstjahren konnten sie schriftlich um die Erlaubnis der Verheiratung ansuchen.

Die Anzahl der Kutscher betrug immerhin 78 Mann wobei der jüngste 21 und der älteste 66 Jahre alt waren. Nur zwei hatten vorher einen anderen Beruf, einer war Kontorist der andere hatte das Schusterhandwerk erlernt. Darüber hinaus waren noch zwei Schmiedemeister angestellt welche pro Pferd und Monat bezahlt wurden. Der Abtransport des Pferdedüngers brachte Geld und erfolgte durch die Friedhofsverwaltung oder durch Landwirte aus der Umgebung Wiens. Nach der Jahrhundertwende waren die Räume der Zentrale in der Hauptsache zur Unterbringung von Mannschaften, Pferden und Geräten bestimmt. Im Haus 9 war in der durch eine Mauer unterteilten Gerätehalle der Löschzug der 1. Bereitschaft untergebracht. Die Geräte standen hintereinander und die Ausfahrt erfolgte durch das Tor beim so genannten Kattushaus. Im Haus 10 hinter dem Stiegenhaus war ein Kutscherzimmer und die Räume des Veterinärs. An der hinteren Front, von der Färbergasse beginnend, war der Stall der Offizierspferde, eine Wagenremise und dahinter die Rampe für die Pferde die in einem Stall im 1. Keller standen. Im Haus 10 waren 30 bespannbare Geräte eingestellt Für die Futterlagerung diente der Dachboden des Gebäudes .Das Futter konnte vom Hof aus auf den Dachbodenraum aufgezogen werden. All diese Räume wurden zwischen 1926 und 1929 weitgehend verändert.

Als man am 5. Februar 1903 begann für das Fahren mit dem ersten motorbetriebenen Fahrzeug zu üben, wurden im laufenden Jahr noch immer 3672 Fuhren mit Pferden durchgeführt. Davon etwa die Hälfte für andere kommunale Dienststellen. Am Ende des Jahres standen bei der gesamten Berufsfeuerwehr noch 114 Pferde in Verwendung und das Pferd sollte noch länger eine Rolle spielen. In erster Linie wurden für die Einschulung auf den Automobilen Kutscher beigezogen. Gleichzeitig erfolgte aber auch eine Prüfung über lokomobile Dampfmaschinen bei der zwei Feuerwehrmänner mit „vollkommen“ und „entsprechend befähigt“ bewertet wurden. Macht man jetzt einen Zeitsprung von einigen Jahren, so hat die Feuerwehr Wien 1912 noch immer 36 Geräte mit Pferdebespannung im Dienst, davon fahren 19 zu Ausrückungen im Branddienst. Der Stand der Pferde hat sich allerdings auf 87 Stück reduziert. Die motorbetriebenen Fahrzeuge übernehmen in den nächsten Jahren immer mehr die Aufgaben der Transporte mit Feuerwehrgeräten, so dass schlussendlich nur mehr ein Wirtschaftsfahrzeug von Pferden gezogen übrig bleibt. Am 24. September 1926 verkaufte die Berufsfeuerwehr Wien ihre 4 letzten Pferde, das letzte dieser vier Pferde hatte den Namen „Koje“. Die 4 Pferde erbrachten die Verkaufssumme von 2.720,- S. Will man heute den Geruch nach Pferden der in den alten Feuerwachen vorherrschte erleben, braucht man nur in Wiens Innenstadt mit den vielen Fiakern spazieren zu gehen und schon fühlt man sich in diese Zeit zurück versetzt. Heinrich Krenn Kustos des Wiener Feuerwehrmuseums
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