Freitag 28. Juli 2017

6. April 2013

Seminare

Fortbildung: Das neue „Blaulichtseminar“

Das Projekt wurde an zehn Veranstaltungstagen mit 120 Bediensteten der Wiener Berufsfeuerwehr im ÖAMTC Fahrsicherheitszentrum in Teesdorf bei Wien durchgeführt. Ein Fahrzeug wurde in der Fahrerzelle mit Überwachungskameras bestückt. Videoüberwacht und mit einem Coach musste der Sicherheitsparcours bewältigt werden. Für die fahrtechnischen Übungen standen fünf andere Fahrzeuge (BLF, RLF und Drehleiter) bereit.

Das intensive 1. Modul war ein erweitertes Fahrsicherheits- und Techniktraining mit Fahrzeugen, die einen hohen Schwerpunkt aufweisen. Ausgewählte Fahrübungen in der Ebene und im Gefälle sowie theoretische Inhalte über Bremsvorgänge, Kurvenverhalten der Fahrzeuge und Kippgefahren waren hier Inhalte. Eine wirklich gute Fahrzeugbeherrschung mit dem notwendigen Feingefühl durch die Fahrer der Wiener Berufsfeuerwehr war die Regel. Grosse Überraschung bot für alle 120 Maschinisten die Brems- Abstandsübung im Vergleich zu einem PKW, welchen man durchaus mit einem Kommandofahrzeug vergleichen kann. Hier wären an den zehn Trainingstagen neun BLF und RLF demoliert worden! Nur wenige Fahrer hatten in Wirklichkeit ein sicheres Gefühl für den richtigen Abstand beim hintereinander fahren. Einmal wurde der Abstand gerade noch richtig eingestellt. Auf die Frage warum dieser Fahrer es so gut beherrschte, kam die ernüchternde Antwort: „Na, weil ich schon einen Auffahrunfall hatte!“. Um nicht aus Erfahrung und somit Schaden zu lernen, wurde diese Übung eingebaut. Die fahrtechnischen Übungen haben das Gefühl für „zu Viel oder zu Wenig“ am Lenkrad wieder ins Bewusstsein gerufen. Mit zwei Händen lenkt man naturgemäß besser.

Beim Modul 2 wurden an 10 Trainingstagen objektive und natürlich subjektive Punkte festgeschrieben, die bei einem nachgestellten „Sicherheits-Straßen-Parcours“ auffielen. Jeder Teilnehmer hatte zwei „Runden“ auf einer Verkehrsfläche zu fahren, wobei Runde 1 „normales LKW-Fahren“ beinhaltete und die Runde 2 unter den Aspekt der Menschenrettung – also eine Einsatzfahrt mit höchster Dringlichkeit - fiel. Da es sich bei so einem Vorhaben um eine intensive Einzelausbildung handelt, wurde als erste sinnvolle Ergänzung mit einem Überschlagsimulator die Extremsituation der Eigen- und Fremdbergung demonstriert. Als zweiter Input wurde hierbei gruppendynamisch an der Einstellung jedes Einzelnen zum Fahrdienst und dem Erkennen der Gefahren im Fahrdienst mit Videomaterial und der neuen Ausbildungssoftware gearbeitet. Beim Sicherheits-Parcours wurde Positives sowie Negatives im Vergleich zwischen den einzelnen Fahrten und der Unterschied der Rundenzeiten zwischen der Normal- und der Einsatzfahrt beurteilt. Die Fahrzeiten wurden in Minuten und Sekunden festgehalten. Grundsätzlich wurde nach den Prinzipien der Verkehrssicherheitstechnik, also Sicherheit, Leichtigkeit und Flüssigkeit beurteilt. Die Einstellung zu der Tätigkeit LKW-Fahren muss auch als solche persönlich gewertet werden. Das Akzeptieren aller Vorschriften muss im Vordergrund stehen, da die beste Ausbildung und Ausrüstung sinnlos ist, wenn der Fahrer der Meinung ist, dass er das nicht braucht. Es spielt auch eine große Rolle, wie lange ein Fahrer schon den Führerschein besitzt, und was er in dieser Zeit falsch eingelernt oder gar verlernt hat, denn wenn die praktischen Fähigkeiten steigen ohne dass die Theorie mitzieht, kann sich zu viel Routine negativ auswirken. Die Mannschaft war sehr wissbegierig, was eine gute Basis für eine Fortbildung darstellt! Es ist zwar unbestritten, dass sich ein Gurt positiv auswirkt, trotzdem wird er nicht benutzt! Es gibt zwar die Befreiung der Einsatzfahrer, Regressforderungen nach eingeschlagenen Zähnen sind aber sinnlos. Um richtig und schnell zu reagieren bedarf es natürlich einer korrekten Sitzposition die aber nicht gegeben ist, wenn der Rücken nur zu 30% in der Rückenlehne anliegt und somit keinen Seitenhalt bietet. Die Folge ist ein Anhalten in jeder Kurve um den Körper in Position zu halten. Ein Teilnehmer bezeichnete sich, nachdem er das Video beurteilen konnte, der Schräglage des Körpers wegen als „Motorradfahrer“ in einem LKW!

Untrennbar mit dem Sitz ist die Lenkradeinstellung und Lenkradhaltung von großer Bedeutung für den sicheren Fahrbetrieb. Was passiert wenn in der Kurve bei falscher Sitzposition das Lenkrad über den gesamten Umfang „gegriffen“ werden muss? Dann ist der Körper sehr weit weg von der Sitzlehne und das Hineingreifen ins Lenkrad beginnt, weil die Hände zu kurz werden. Nebenbei soll noch der Oberkörper im Sitz bleiben ohne Seitenhalt des Sitzes und noch dazu ohne Gurt. Außerdem verlangt man dann noch das „Mitsehen“ mit anderen Verkehrsteilnehmern, die Notwendige „Vorsicht“ nach vorne, die Notwendige „Nachsicht“ (nach hinten) und die richtige „Umsicht“ im Straßenverkehr. In die Spiegel allerdings sieht der Fahrer dann nicht mehr, weil er sich in die Kurve legen muss. Das Gefühl für die Abmessung des Fahrzeuges ist somit verloren denn niemand kann halb liegend die Breite richtig einschätzen! Für die richtige Blicktechnik ist die richtige Sitzposition also ein grundsätzliches Erfordernis. Es ist nicht leicht ein Auge für Dinge zu entwickeln, die im peripheren Sichtbereich liegen und nebenbei noch auszusortieren nach den Aspekten „Wichtig“ oder „Unwichtig“. Man kann hier schon erahnen wie komplex die Maßnahmen sein müssen um mit der nötigen „Umsicht“ unterwegs sein zu können und bei falscher Sitzposition ergeben sich natürlich „Überseher“, die im Extremfall zu einem Unfall führen können. Man könnte über Sinn und Unsinn mancher Verkehrszeichen philosophieren aber es ist ohne eine Frage zu akzeptieren, dass Gefahrenzeichen wahrgenommen werden müssen! Speziell wenn ein Fahrzeug im Einsatz unterwegs und die Geschwindigkeit höher ist, als allgemein erlaubt, müssen diese Zeichen exakt verarbeitet werden. Viele Fahrer konnten auf die Frage „welches Gefahrenzeichen denn jetzt da war“ keine Auskunft mehr geben. Das Mitsehen und Mitdenken mit anderen Verkehrsteilnehmern ist eine wesentliche Voraussetzung für eine unfallfreie Fahrt. Einer der häufigsten Fehler war das Zurückschieben ohne Einweiser. Einstellungssache und die unterschätzte Gefahrensituation sind hier die Grundübel. An dieser Stelle ist „unser Mopedfahrer“ zu erwähnen, der sich 188 Mal geopfert hätte. Jede erreichte Sekunde „schneller“ hat ihren sicherheitstechnischen Preis, bleibt die Frage wie viel eine Zeiteinheit Wert ist? Die Fehlerhäufung ist keine lineare Funktion sondern steigert sich in Extreme je schneller man unterwegs ist. Man sollte die Einstellung zum Job verbessern, die Geschwindigkeit reduzieren und mit der richtigen Fahrtechnik vorausschauend Fahren. Dadurch wird der Stress vermindert und die Sicherheit wesentlich erhöht!

Spezielles zu den verwendeten Fahrzeugen: Die Bergelöschfahrzeuge sind, so wie erwartet, grundsätzlich im untersteuernden Bereich gewesen. Es sind im einzelnen Schwächen und Stärken zwischen baugleichen Fahrzeugen aufgefallen, die zu 80% von der Bereifung her führen. Die Rüstlöschfahrzeuge haben mit einem extremen Untersteuern überrascht. Grund für dieses Extremverhalten ist eine stark belastete Vorderachse. Die Drehleiter ist wiederum ein Paradebeispiel für ein übersteuerndes Fahrzeug. Alle Fahrer, die im Gefälle versucht haben mit der Ausführung mit mitlenkender Hinterachse einem Hindernis auszuweichen, wurden von einem brutal ausbrechenden Heck überrascht! Eine gute Sache im Langsamfahrbereich, aber äußerst bedenklich auf rutschigem Untergrund. Um die Sicherheit bei Feuerwehreinsatzfahrten zu erhöhen, werden einige technische Änderungen an den Fahrzeugen empfohlen: Ein Fahrer- und Beifahrerairbag sollte bei neuen Fahrzeugen nicht fehlen. Die Sitzposition in einem LKW lässt sich nicht so leicht einhalten wie in einem PKW. Die eingebauten Sitze sind nicht optimal. Mangelnde Verstellmöglichkeit und der schwache Seitenhalt der Sitze mit einem nur gering verstellbaren Lenkrad helfen hier nicht besonders. Es wird angeregt, neue Sitze mit integriertem Gurtsystem einzubauen. Das alte Gurtsystem in den Bergelöschfahrzeugen verleitet natürlich noch mehr diesen Gurt nicht zu nehmen, da es ziemlich unbequem ist. Fahrerzellen sollten dem Stand der Technik entsprechend ausgerüstet werden! Die Spiegel zeigen ernorm große tote Winkel, es sollten Weitwinkelspiegel auf beiden Seiten vorhanden sein! Eine Rückfahrkamera ist sinnvoll und kostet im Verhältnis zum Fahrzeugpreis sehr wenig. Bei einer Schaltmöglichkeit für das Horn am Lenkrad wären die Hände dort wo man sie brauchen kann! Somit wird ein „Weggreifen“ unnötig. Für eine max. 10 Minuten dauernde Fahrt kann man so beide Hände am Lenkrad lassen! Die Einstiegsstufen sollten versetzt werden, damit man nicht gezwungen ist, mit dem rechten Fuß unter den Linken zu steigen. Großes Augenmerk ist auf nicht gesicherte Ausrüstungsgegenstände im Mannschaftsraum zu legen. Ein unbefestigtes Funkgerät oder Feuerwehrbeil kann sich bei einer Notbremsung selbstständig machen und schwere Verletzungen verursachen!

Zu der neuen Fortbildung der Einsatzfahrer erklärt Oberbrandrat Ing. Alfred Dorfmeister: „Fahrtechniklehrgänge werden seit vielen Jahren durchgeführt, Geländefahrten am Rautenweg sind Bestandteil der Grundausbildung der Maschinisten. Bei diesem neuen Probelehrgang wurden 120 Teilnehmer geschult, das ist immerhin ein Drittel der Maschinisten der Wiener Feuerwehr! Das war auch eine enorme logistische Herausforderung, da das Personal aus dem Einsatzdienst gelöst werden musste, ohne die Schlagkraft der Feuerwehr zu vermindern. Alle vier Jahre sollte jeder Fahrer diese Fortbildung wiederholen, es werden auch interne Trainer ausgebildet. Die Kosten der Fortbildung müssen aus dem Feuerwehrbudget bedeckt werden. Die Zusammenarbeit mit dem ÖAMTC kann als vorbildlich bezeichnet werden! Durch diese neue Art der Fortbildung kommt es zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung jedes einzelnen Teilnehmers und zur Erhöhung der Sicherheit bei den Einsatzfahrten bei der Berufsfeuerwehr Wien!“
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